Männerfantasien
Waschmaschinenkauf ist jetzt Männersache.
Dass das so kommen würde, war abzusehen. Nun, da auch jedes noch so kleine Haushaltsgerät prozessorgesteuert ist. Prozessoren verlangen nach Männern. Nach Gehirnen, die so hochfrequent getaktet sind wie sie selbst. Nach Händen, die mit Hilfe der Multifunktionstasten die Anweisungen auf dem Display in geordnete Waschvorgänge übersetzen.
Das nenne ich Emanzipation.
Mein Finger berührt sanft die TouchControl-Taste, ich dosiere meine Megaperls, mit denen ich schlau wasche, entsprechend der Beladungsanzeige des Displays, optimiere sensibel die zu erwartende Temperatur. Da ich heute noch was vorhabe und mein Lieblingshemd anziehen möchte, welches gerade im VarioSoft-Trommelsystem auf das energieoptimierte Programm mit perfektem Waschergebnis wartet, schalte ich kurzerhand SpeedPerfect dazu, so sollte das Programm rechtzeitig zu meinen Termin fertig sein. Dann schließe ich das 32 cm-Bullauge, die Innenbeleuchtung des Trommelsystems erstrahlt, das Wasser passiert erfolgreich den AquaStop mit lebenslanger Garantie und der EcoSilence Drive setzt sich sanft in Bewegung. Durch das AntiVibration Design höre ich so gut wie keine Geräusche, so mag ich das.
Zwischenzeitlich kontrolliere ich alle wichtigen Parameter auf dem Display wie Programmablauf, Temperatur, Drehzahl und wie lange es noch dauert, bis ich mein Hemd wieder anziehen kann. Ich wiege mich in Sicherheit, denn ich weiß, dass der Durchflusssensor einen optimalen Wasserverbrauch garantiert. Das Display informiert mich derweil über den Stand des Schaums, einen solchen Sensor würde ich mir auch in manch anderer Situation wünschen.
Dann geht der Bolide dazu über, das Restwasser aus meinem Hemd zu schleudern. Soft kommt der Motor auf Touren, dank der Stabilisierungsautomatik steht die Maschine am Ende exakt am selben Platz wie am Anfang. Vorbei die Zeit, als wir manchmal die Badtür hinterher nicht mehr aufbekamen, weil der alte Waschknecht beim Schleudern so lustig hüpfte. Aber damals hat ja auch noch meine Frau die Waschmaschine bedient…
„… wir nehmen diese dort.“ Die Worte meiner Frau reißen mich aus meiner Fantasie. Sie steht neben mir, vor uns der Fachverkäufer, neben uns das Objekt der Begierde, der Gegenstand meiner Träume, die Erfüllung meiner Sehnsüchte.
Am Ende ist Waschmaschinenkauf doch wieder Frauensache.
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Der frühe Vogel
Berlin, Mitte Dezember. Montagmorgen, kurz nach sechs. Die Verkehrsdichte hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, ist aber bereits deutlich spürbar. Die Scheinwerfer des hinter mir fahrenden Autos verschwinden im Rückspiegel unter meiner Heckfensterkante. Man hat´s eilig, jede Sekunde zählt. An der nächsten Ampel steht das Auto neben mir, gleiche Höhe. Als die Ampel grün wird, bin ich nur noch Zweiter.
Eine Viertelstunde später bin ich am Ziel. Ich wurde gehetzt und gejagt, jetzt bin ich zu früh da, habe noch etwas Zeit. Draußen sind Minusgrade, also bleibe ich im Auto sitzen. So wie die beiden Handwerker in ihrem Kleinbus neben mir. Damit habe ich nicht gerechnet. Nicht ungemütlich bei denen im Auto, denke ich. Die Cockpitlampe beleuchtet die Szenerie, eine Thermoskanne, vermutlich Kaffee, zwei Becher, wahrscheinlich packen sie gleich ihre Stullen aus, die ihre Frauen ihnen geschmiert haben. Die beiden wirken gut gelaunt, kaum vorstellbar in Anbetracht der Tageszeit an einem Montag. Vielleicht mussten sie sich am Abend zuvor mit ihren Frauen Rosamunde Pilcher im Fernsehen ansehen.
Nach einigen Minuten gehe ich dann los zu meinem Termin. Ein paar Meter weiter sehe ich die nächsten Handwerker in ihrem Auto sitzen. Von jetzt an gucke ich in jedes Fahrzeug auf meinem Weg. Und werde nicht enttäuscht. Männergemeinschaften, der Job ist hart, das Klima rauh, man hat sich was zu erzählen nach dem Wochenende. Die zwei Tage zwischen den Bieren vom Freitagabend und dem Kaffee vom Montagmorgen können lang sein.
Auf meinem Weg muss ich an die Bauarbeiten in unserer Straße vor einigen Jahren denken. Pünktlich um sieben jeden Morgen wurden Presslufthämmer, Betonmischer und Kreissägen angeschaltet. Bevor man richtig begriffen hatte, was los war, gingen die Maschinen schon wieder aus und die Frühstückspause wurde eingeläutet. Die Botschaft war klar.
Als ich nach zwei Stunden wieder zu meinem Auto zurückgehe, steht kein einziges von den Fahrzeugen der Handwerker mehr auf dem Parkplatz.
Gestern hatten wir Post von unserem Vermieter im Briefkasten, Anfang Januar werden in unserer Wohnung wie jedes Jahr die Zähler abgelesen- ab sieben Uhr.
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Die Welt dreht sich
In der vergangenen Woche hatte ich nach vielen Jahren mal wieder eine Begegnung mit Karl Marx und Friedrich Engels.
Während meiner Kindheit und Jugend waren die beiden der unausweichliche Hort der geistigen Beeinflussung des sozialistischen Staates auf uns Bürger gewesen, auch Rotlichtbestrahlung genannt. Im Geschichtsunterricht, im Staatsbürgerkundeunterricht wurden wir mit ihren Werken gequält, die Jugendweihe konnte nur erhalten, wer sich gebührend von ihren Theorien hatte (ver)leiten lassen, für sie sprang ich als Soldat in der Botanik herum und selbst mein Abschluss als Filmfotograf hing von ihren Gnaden ab. Sie waren immer dabei und machten uns das Leben nicht eben leicht.
Einmal aber konnte ich sie auch zu meinen Gunsten benutzen. Ich wurde damals gefragt, ob ich bei der Kampfgruppe mitmachen will. Die Kampfgruppe war eine alberne paramilitärische Truppe, deren Mitglieder sich mitten in der Nacht konspirativ an dunklen Straßenecken zu imaginären Einsätzen treffen mussten, dort von LKWs eingesammelt wurden, um dann zum großen Saufmanöver irgendwo in den Wald gekarrt zu werden. Wenn man also bedrängt wurde, sich zu entschließen, seine Wochenenden regelmäßig im Drillich im Wald zu verbringen, reichte es längst nicht aus, einfach nur nein zu sagen. Man musste schon einen triftigen Grund nennen können. Körperlich und/oder geistig völlig ungeeignet zu sein, war kein Grund dagegen, sondern sprach für das Mitmachen. Pflegebedürftige Verwandte kamen da schon eher in Betracht, aber bei mir nicht in Frage. Also versuchte ich es mit Marx und Engels. Ich weiß nicht mehr genau, welche kausalen Ketten ich dialektisch miteinander verknotete, aber ich war sicher, Marx und Engels hätten sich auch nicht in der Kampfgruppe manifestiert. Was soll ich sagen, die Negation der Negation hat funktioniert. Dafür bin ich ihnen dankbar.
Heute ist der Marktwert der beiden ziemlich am Boden. Dabei hat sich herausgestellt, dass sie in einigen Dingen durchaus Recht hatten. Sie sehen sich noch immer als steinerne Kolosse in der Nähe des Berliner Fernsehturms den Lauf der Welt an. Jetzt zur Weihnachtszeit befindet sich nebenan ein Riesenrad. Wenn man hinter ihnen steht und zum Riesenrad blickt, sieht es aus einer bestimmten Perspektive so aus, als würde sich alles um sie herum drehen. Vielleicht würden sie heute so ähnlich empfinden.
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Mauerfall
An jenem geschichtlich bedeutungsvollen 9. November 1989 ging ich früh schlafen. Im Fernsehen sah ich noch, wie Günther Schabowski die Nachricht von einem Zettel ablas, sie mehr in sich hineingrummelte, so wie man grummelt, wenn man etwas sagen muss, was man aber nicht sagen will. Ich hörte zwar, was er da sagte, aber es erreichte mich nicht, ich nahm es in seiner Bedeutung nicht wahr. Also ging ich ins Bett und verschlief den Mauerfall.
Am nächsten Tag, nachdem ich mitbekommen hatte, was geschehen war, wunderte ich mich über die vielen Menschen, die am Abend zuvor diese Nachricht zum Anlass genommen hatten, zu den Grenzübergangsstellen zu gehen und nachzusehen, ob es stimmte, was Schabowski gerade verkündet hatte.
Später tröstete ich mich mit dem Gedanken, wenigstens bei einer der legendären Montagsdemos in Leipzig dabeigewesen zu sein. Wenn auch eher zufällig, aber immerhin. Ich war damals bei Dreharbeiten für einen Film über die Völkerschlacht zwischen Deutschen und Franzosen nahe Leipzig dabei. Auf dem Rückweg ins Hotel befand ich mich plötzlich mitten zwischen den Demonstranten. Von der Völkerschlacht zur Montagsdemo, Geschichte im Zeitraffer.
Als in dieser Woche die Mauer zum 20. Jubiläum erneut symbolisch eingerissen wurde, war ich wieder nicht mit dabei. Diesmal mit Absicht nicht, denn ich ahnte, wie es werden würde. Das Einstürzen der zu diesem Zweck neu aufgebauten Mauer aus bemalten Styroporblöcken wurde von Thomas Gottschalk vom ZDF moderiert. Gottschalk wollte wohl ebenfalls etwas Heldenhaftigkeit für sich beanspruchen, als er bei strömendem Regen verkündete, er ziehe das hier jetzt ohne Schirm durch. Wahrscheinlich fühlte er sich auf diese Weise den drei ehemaligen Bürgerrechtlern verbunden und ebenbürtig, die eingeladen worden waren, um zu erzählen, wie es damals war. Als diese die Bühne mit Schirmen betraten, flüchtete sich Gottschalk dankbar unter das so entstandene Dach. Seine Zeit als Held war vorbei.
Ich suchte den Ort des Geschehens, wie vor zwanzig Jahren schon, erst am Tag danach auf. Im Gegensatz zu damals war die Mauer diesmal bereits komplett weggeschafft worden.
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Halloween
„Süßes oder Saures…“
Was soll man darauf antworten? Ich weiß es nicht und will es auch nicht. Ich verweigere mich. Gehe einfach nicht zur Tür, mache nicht auf, werfe den kleinen Freddy Kruegers keine Bonbons in den Schlund. Sollen sie doch unsere Katze umbringen als Rache. Meine Frau öffnet ebenfalls nicht, sie hat Angst vor den Horrorzwergen. Vorsichtshalber hat sie aber doch eine Kiste mit Süßigkeiten bereitgestellt, man weiß ja nie.
Sicherheitshalber haben wir uns verbarrikadiert. Alle Jalousien geschlossen, das Licht gedimmt, wir bewegen uns auf leisen Sohlen, sprechen im Flüsterton. Als es das erste Mal klingelt, schrecken wir zusammen und erstarren. Nichts passiert. Kurz darauf hören wir die Klingel bei den Nachbarn, seltsame Geräusche folgen, dann ein Kreischen. Gab wohl Süßes. Die Nachbarn haben uns gerettet.
Meine Töchter sind an dem Abend auch unterwegs. Eine hat sich mit ihrer Freundin mit einer Eisenkette aus dem Baumarkt zusammengekettet. Außerdem haben sie sich Filmblut, von Kaiser´s für zwei Euro, aufgetragen. Die andere ist als Mumie verkleidet auf einer Party. Beide sind in einem Alter, in dem man sich mit Bonbons nicht mehr zufriedengibt.
Sie glauben ganz sicher, Halloween schon immer gefeiert zu haben. Aber so ist es nicht.
Vor einigen Jahren habe ich mich gefragt, warum wir plötzlich in Deutschland ein Fest mit Kürbissen feiern, dessen Hintergrund ein irischer Bösewicht namens Jack O ist, der den Teufel gefangen hatte, aufgrund dessen er aber nach seinem Tod weder in den Himmel, noch in die Hölle kommen konnte, aber als Ausgleich dafür vom Teufel eine Rübe und eine glühende Kohle geschenkt bekam, um damit der Dunkelheit entrinnen zu können.
In Amerika, wo die irischen Auswanderer Halloween weiterhin feiern wollten, gab es mehr Kürbisse als Rüben. Also nahm man die, höhlte sie aus, schnitt eine Grimasse hinein, stellte ein Licht in das hohle Gemüse und trug das Ganze vor´s Haus, um böse Geister fernzuhalten.
Böse Geister soll es ja auch in Deutschland geben, munkelt man. Wer weiß das schon so genau. In Zeiten der Globalisierung operiert möglicherweise auch Jack O nicht mehr nur in Irland.
Darüber dürfte sich die Wirtschaft ganz besonders freuen.
Wie heißt es in dem Sprichwort? „Man soll die Feste feiern, woher auch immer sie kommen“ – oder so ähnlich.
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Sportwelt
Letzte Woche traf ich in meiner Praxis für Physiotherapie den ehemaligen Sportreporter Heinz Florian Oertel. Oertel kommentierte früher für das Fernsehen der DDR quasi alle wichtigen Sportereignisse, er erklärte uns die Welt des Sports und weil viele fanden, dass er das besonders gut macht, wurde er mehrmals zum Publikumsliebling des Fernsehens gewählt. Oertel gestaltete seine verbalen Begleitungen der Geschehnisse immer sehr emotional und euphorisch, wahrscheinlich weil er davon ausging, dass es um mehr ging als nur um Sport. In diesem Punkt unterscheidet er sich nicht vom Rest seiner Zunft.
Sport als komprimierte Essenz des wirklichen Lebens. All die komplexen Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Abhängigkeiten der Welt heruntergerechnet auf das Geschehen auf dem Rasen. Die Mannschaft als strategische Einheit, die Spielstätte als Schlachtfeld, es gibt Anführer, Mitläufer und Fallobst.
Sportreporter erklären uns die Welt. Ihre verwendete Terminologie ist uns vertraut, es gibt die Guten und die Bösen, alles ist recht übersichtlich und meist schnell vorbei. Kommen die Protagonisten selbst zu Wort, um das zu erklären, was wir gerade mit eigenen Augen gesehen haben, hängen die Reporter oft mitfühlend und betroffen guckend an deren Lippen und nicken die gesprochenen Worte heilig. Manchmal lassen sie sich auch beleidigen, immer im Dienste der Sache und der Zuschauer, deren Aufklärung sie sich verpflichtet haben.
Ich bin dankbar für die momentane Niederlagenserie von Hertha, so bekomme ich einiges erklärt.
Als Heinz Florian Oertels Therapeut im Warteraum erschien, bellte Oertel ihm in bester Sportreportertonlage ein „Guten Morgen, Herr…“ entgegen. Er kann es einfach nicht lassen.
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Computerarbeit
Ich bin in einem Arbeiter- und Bauernstaat geboren worden und aufgewachsen. Bauern kannte ich damals keine, dafür viele Arbeiter, aber kaum Intellektuelle. Die meisten waren damals Arbeiter, obwohl es oft nichts zu tun gab, weil das Material fehlte, aus dem etwas hergestellt werden sollte. Man war dann Arbeiter ohne Arbeit, der Plan wurde trotzdem übererfüllt. Heute werden die Bedürfnisse des Marktes übererfüllt, obwohl es nicht mehr so viele Arbeiter gibt.
Manchmal habe ich in einem Büro zu tun, das sich in einem Gewerbehof befindet. Dort gibt es viele Büros, der Hof grenzt an einen weiteren Hof, der wiederum an einen nächsten und so weiter. Von den Räumen aus hat man einen ganz guten Blick in die Runde, überall in den umliegenden Büros sieht man Menschen eifrig und beflissen an Computern arbeiten. Auch wenn ich komme oder gehe und mich dabei durch die Höfe bewege, bietet sich mir das gleiche Bild hinter den Fenstern, an denen ich vorbeilaufe, Mitarbeiter richten ihre konzentrierten Blicke auf die Bildschirme, während die Finger über die Tastaturen fliegen.
Früher gab es Läden in den Straßen der Stadt, in denen man einkaufen konnte, wenn es etwas zu kaufen gab. Heute gibt es zwar alles, aber nicht mehr in den Läden, sondern im Supermarkt. Wenn ich an den ehemaligen Läden vorbeilaufe, sehe ich Menschen hinter Bildschirmen sitzen.
Ich kenne jemanden, der ein florierendes Geschäftsmodell entwickelt hat, indem er Spezialkoffer vertreibt, in denen sensible Technik geschützt transportiert werden kann. Am Anfang klebte er noch zusammen mit einem Mitarbeiter die Schaumstoffpolsterungen in die Koffer, heute klebt niemand mehr, dafür sitzen zehn Angestellte an Computern.
Computer sind ein Segen. Nicht weil sie uns das Leben erleichtern und die Arbeit abnehmen, nein, sondern weil sie uns in ihre virtuelle Welt saugen und somit verhindern, dass wir uns in der realen Welt die Hände schmutzig machen müssen.
Ich würde die grobe, mit Sand versetzte Waschpaste, mit der ich meine Hände früher von Metallspänen und Öl gereinigt habe, heutzutage gar nicht mehr vertragen.
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Schwere Kost
Es wird wie ein Stein im Magen liegen. Schwer verdaulich sein.
Diese Metapher habe ich vergangene Woche fotografiert. Einen Teller voller Steine, angerichtet an Sand, schön arrangiert, so wie manch andere schwere Kost, die nicht zum Essen gedacht ist, auch daher kommt.
Wir Deutschen lieben ja schwere Kost. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Alles ist reichhaltig, gewichtig und mit Butter und Bedeutung aufgeladen. Nur was zu erschaffen und zu konsumieren einer gewaltigen Anstrengung bedarf, ist gut. Es gibt immer einen Plan.
Die Italiener zum Beispiel sind bekannt für ihre leichte, mediterrane Kost, die auch ihrer Lebensweise entspricht. Man könnte also von den Essgewohnheiten eines Volkes auf deren Gemütslage schließen. Oder umgekehrt. Das würde zumindest bei Italienern und Deutschen funktionieren.
Wenn ich mir den aktuellen „Bericht über die menschliche Entwicklung“ ansehe, der vergangene Woche von der UN vorgelegt wurde, der die Lebensqualität von 182 Staaten anhand von Vergleichen wie finanzielles Vermögen, Lebenserwartung oder Bildung der Bevölkerung bewertet, erfahre ich, die Italiener liegen auf Platz 18 vor den Deutschen, die auf Rang 22 einlaufen. Ich hatte immer gedacht, in der Neuzeit schlägt uns Italien nur noch im Fußball. Und jetzt das. Leichtigkeit siegt über Gewicht, Frohnatur über Schwergemüt.
Andererseits, wenn es stimmt, dass es ein mentales Nord-Süd-Gefälle in Europa gibt, von schwermütig im Norden zu unbeschwert im Süden, dann lässt es mich hoffen, dass auf Platz 1 dieses Berichtes Norwegen landete.
Vielleicht ist ja doch nicht alles von den Essgewohnheiten eines Volkes abhängig.
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Wasseruhren
Die Bundestagswahl ist gelaufen. Große Koalition abgewählt, ein neues Bündnis wird sich bilden lassen müssen. Nach all den Bekenntnissen im Wahlkampf.
Die Uhren stehen wieder auf Null. Bereits eine Woche nach der Wahl spüre ich, wie die Konjunktur anzieht. Darauf haben meine Frau und ich ein ganzes Jahr gewartet. Wir mussten, trotz aller Konjunkturpakete, die die alte Regierung auf den Weg brachte. Uns haben sie nicht erreicht.
Aber gut, möglicherweise war der Austausch von Wasseruhren in unserer Wohnung für eine mittelständische Installationsfirma nicht besonders lukrativ. Welche staatliche Förderung hätte denn dabei herausspringen können? Verbesserte Exportgarantien? Wohl nicht. Eine Umweltprämie sicherlich ebenfalls nicht. Einen Monteur zu schicken, den man auf Kurzarbeit beschäftigt? Wäre möglich gewesen. Wenn ich es mir recht überlege, muss es so gelaufen sein.
Warum sonst hat sich wohl der Kollege mit den Worten verabschiedet, er würde die neuen Uhren bestellen müssen? Um sich dann nie wieder bei uns zu melden. Selbst nach mehrmaligem Nachfragen kamen wir dem Geheimnis des verschollenen Mitarbeiters nicht auf die Schliche. Wurde hier die Konjunktur so gut gefördert, dass es sich vor lauter Förderung für die Firma nicht mehr lohnte, ihre Aufträge auszuführen? So blieben die neuen Wasseruhren für uns nur ein Traum.
In der vergangenen Woche ging dieser Traum nun doch noch in Erfüllung. Wahrscheinlich lag es an der Angst der Installateure vor der neuen Regierung, die dafür sorgte, die Angst, in Zukunft vielleicht auch wieder ohne staatliche Hilfe über die Runden kommen zu müssen.
Nun stehen die Uhren, die in der Politik und die, die unser Bedürfnis nach Sauberkeit messbar machen, wieder auf Null. Alles geht von vorne los.
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Deutschlandwahl
In dem Film „Gladiator“ fragt Ralf Möller Russell Crowe, der den Maximus spielt, einen ehemaligen Tribun der römischen Legionen, ob er schon in Germanien gekämpft hat.
Offensichtlich hat Ralf Möller den Anfang des Films verpasst, wo Maximus mit seinen Truppen ein Stück Germanien samt Germanen plattmacht. Die Germanen wurden als wilde, langhaarige, felltragende, urtümliche Laute ausstoßende Typen dargestellt. So mögen sie gewesen sein zu jener Zeit.
In der Realität allerdings widersetzten sie sich bereits 170 Jahre vor den geschilderten Filmereignissen erfolgreich der römischen Eroberung, zumindest östlich des Rheins.
In einer Art Guerillakampf schaffte es Arminius, Anführer der Germanen gegen Varus und dessen Römer, deren Vordringen in Richtung Osten dauerhaft zu verhindern.
So wurde es leider erst mal nichts mit den Annehmlichkeiten der römischen Zivilisation. Verschoben bis auf Weiteres der Bau von festen Häusern mit Heizungen, lange Haare und Bärte blieben modern, gekackt wurde weiterhin im Wald.
Aber irgendwie haben die Deutschen sich ja dann doch entwickelt. Zwar hatte das föderalistische Prinzip Konjunktur, jeder Landesfürst maß, wog, richtete, urteilte, förderte und bildete nach eigenem Gutdünken, was ja zum Teil heute noch so ist, aber dann kamen Ende des 18. Jahrhunderts die Franzosen und brachten mit dem Meter und dem Liter ein paar Maßeinheiten für alle Deutschen, später sogar die Idee der Republik.
Am Sonntag ist Bundestagswahl.
Ich werde, ordentlich rasiert, die paar Meter zum Wahllokal zu Fuß gehen, meine Stimme zur demokratisch gewählten Regierung der Republik abgeben und danach zu Hause die Heizung anstellen und einen Liter Bier trinken.
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